Nar
Nar der Sumpfspinnen-Gelehrte
Nar ist ein Angehöriger des Spinnenvolks (Spider People) aus dem Sumpfwald von Ar, südlich der Stadt Ar. Er ist eine der seltenen nicht-menschlichen, rationalen Personen, denen Tarl Cabot auf Gor begegnet, und zugleich einer der sanftmütigsten Charaktere der gesamten Saga. Seine Geschichte wird in Tarnsman of Gor (Band 1) erzählt; in Priest-Kings of Gor (Band 3) wird er in einem Gespräch zwischen Tarl und dem Priesterkönig Misk noch einmal in Erinnerung gerufen. Diese Schriftrolle widmet sich seiner Gestalt, seinen Taten und der Bedeutung, die ihm im Gesamtgefüge Gors zukommt.
Erscheinung und Natur
Nar ist eine riesige Spinne, groß genug, um einen erwachsenen Menschen auf dem Rücken zu tragen. Er hat acht Beine, einen von langen schwarzen Haaren bedeckten Thorax und vier Paar perlmuttfarben schimmernder Augen, die Norman mehrfach als „perlig" und wie „ausdruckslose Monde" beschreibt. Seine Mandibeln erinnern an gebogene Messer und könnten einen Menschen mühelos zerteilen, und doch sind sie in Nars Fall Werkzeuge der Sanftmut: Er umschließt damit Freunde und Gäste nur leicht, als Geste der Zuneigung, oder trägt hilflose Wesen vorsichtig über weite Strecken.
An seinen Vorderbeinen sitzen Sensorhaare, mit denen er seine Umgebung, die Luftströmungen und die Gerüche des Sumpfes erfassen kann. Noch beeindruckender aber ist das Übersetzungsgerät (translation device), das er an seinem Hinterleib trägt. Es wandelt die für menschliche Ohren nicht wahrnehmbaren Lautimpulse der Spinne in verständliche Sprache um und umgekehrt. Dieses Gerät ähnelt denjenigen, die Tarl in Ko-ro-ba gesehen hatte, und verweist bereits in Band 1 unausgesprochen auf die Technologie der Priesterkönige, deren wahre Natur Tarl erst später begreifen wird.
Nar ist, wie er selbst sagt, ein rational creature, also ein vernünftiges Wesen. Und weil die Spinnenleute aus Prinzip keinem anderen vernünftigen Wesen Schaden zufügen, trägt Nar die Tugend der Selbstbeherrschung sichtbar vor sich her: Er spricht leise, weil er es für unangemessen hält, dass rationale Kreaturen einander anschreien, und er erträgt sogar Beleidigungen, ohne die Fassung zu verlieren.
Die Begegnung im Sumpfwald
Tarl Cabot trifft Nar unter denkbar verzweifelten Umständen. Nach dem Diebstahl des Heimsteins von Ar wird er von Talena, der Tochter des Ubars Marlenus, verraten und vom Rücken seines Tarns gestoßen. Er stürzt in den Sumpfwald und bleibt in einem gewaltigen Spinnennetz hängen. Schon ergeben in seinen Tod, sieht Tarl die Spinne näherkommen, und ist überrascht, als aus dem Übersetzungsgerät eine höfliche Frage tönt: Wer er sei, und ob er aus Ar stamme.
Als Tarl antwortet, er sei aus Ko-ro-ba, befreit Nar ihn behutsam aus dem Netz, indem er ein lösendes Sekret auf die Fäden aufträgt. Er stellt sich vor: „Mein Name ist Nar, und ich gehöre zum Spinnenvolk." Und er fügt jenen Satz hinzu, der zum Leitmotiv ihrer kurzen Freundschaft wird: „Das Spinnenvolk tut rationalen Geschöpfen nichts zuleide."
Nar hat vom Diebstahl des Heimsteins gehört; die Kunde habe sich verbreitet, getragen „von allen vernünftigen Geschöpfen, ob sie kriechen, fliegen oder schwimmen". Und weil die Männer von Ar das Spinnenvolk jagen, um aus deren Seide die Cur-lon-Faser für die Mühlen von Ar zu gewinnen, freut sich Nar heimlich über Tarls Tat. Würden die Menschen aus Ar keine rationalen Geschöpfe sein, so erklärt er nüchtern, würde das Spinnenvolk sie längst bekämpfen.
Die Rettung Talenas
Nar bietet an, Tarl bis zum Rand des Sumpfes zu tragen. Unterwegs nimmt er mit seinen Vorderbeinen die Gerüche der Luft auf und erkennt einen fleischfressenden Tharlarion in der Nähe. Er flüchtet blitzschnell einen Sumpfbaum hinauf, gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie die Tochter des Ubars in die Fänge des Raubtiers gerät. Tarl, der zunächst zögert, eilt ihr schließlich zu Hilfe und tötet den Tharlarion in einem verzweifelten Kampf.
Während Tarl erschöpft am Baumstamm lehnt, ist es Nar, der die geflohene Talena wiederfindet und sie, gegen ihren zornigen Widerstand, sanft in seinen Mandibeln zurückträgt. Er setzt sie vor Tarl ab und fragt mit jener feinen, leisen Ironie, die ihn auszeichnet, ob es nicht seltsam sei, dass ein vernünftiges Geschöpf vergesse, seinem Retter zu danken, und ob sie nicht recht laut spreche für eine Vernünftige.
Als Talena sich weigert, über den Verbleib des Heimsteins Auskunft zu geben, umschließt Nar ihren Hals mit seinen Mandibeln wie mit einer Schere. Er tut es ohne Zorn, mit vollendeter Höflichkeit, und fragt lediglich: „Wünschst du ihren Kopf?" Erst als Talena unter Tränen gesteht, dass der Tarn mit dem Heimstein in die Wildnis entflohen ist, lässt er sie los. Nar, der einer ganzen Auslöschung seines Volkes den Vorzug gäbe, ehe er einem rationalen Wesen schaden würde, hätte die Drohung niemals wahrgemacht; doch Talena wusste dies nicht, und der schreckhafte Moment brachte die Wahrheit ans Licht.
Die Brüderlichkeit mit Tarl
Die eigentliche Ehre, die Nar Tarl erweist, liegt nicht in der Rettung, sondern in der Anrede. Als Tarl sich beim Aufbruch an die Spinne wendet mit den Worten: „Nun, Bruder, sollen wir unsere Reise fortsetzen?", antwortet Nar ohne Zögern: „In der Tat, Bruder." Tarl empfindet dies später als Auszeichnung: Lieber möchte er der Bruder dieses sanften, vernünftigen Ungeheuers sein als der so vieler Barbaren, denen er auf Gor begegnet ist. Nar hält ihn, bei allem Respekt, für einen, der den Maßstäben des Spinnenvolks eigentlich nicht genügt, und erhebt ihn dennoch in den Rang eines Verwandten.
Am Rand des Sumpfes verabschieden sich die beiden mit dem gebräuchlichen goreanischen Gruß „Ich wünsche dir wohl" (I wish you well). Nar legt Tarl seine Vorderbeine auf die Schultern, eine Geste, die menschlicher Umarmung kaum nachsteht, und spricht die bemerkenswerten Worte, er werde Tarls Namen nicht erfragen noch den Namen seiner Stadt vor der „Unterworfenen" wiederholen, doch Tarl und seine Stadt seien fortan vom Spinnenvolk geehrt. Dann folgt die letzte, warnende Botschaft: „Hüte dich vor der Tochter des Ubars." Eine Warnung, die Tarl in seiner jugendlichen Verliebtheit in den Wind schlägt, und die sich über die folgenden Bände hinweg als prophetisch erweisen wird.
Nar und die Priesterkönige
In Priest-Kings of Gor kommt Nar nur in einem einzigen Gespräch vor, aber in einem höchst aufschlussreichen. Im Nest der Priesterkönige erörtert Misk mit Tarl die Voyages of Acquisition, durch die die Priesterkönige Arten von der Erde auf die Gegenerde gebracht haben. Tarl erwähnt, er habe im Sumpf von Ar einst eine Spinne getroffen. Misk bestätigt: Das Spinnenvolk sei ein sanftes Geschlecht, abgesehen vom Weibchen zur Paarungszeit.
Tarl aber gibt die Ehre seinem Freund persönlich zurück: „Sein Name war Nar, und er wäre lieber gestorben, als ein vernünftiges Geschöpf zu verletzen." Misks nüchterne Antwort, „Das Spinnenvolk ist weich. Sie sind keine Priesterkönige", offenbart den Unterschied zwischen zwei Ethiken: Die Priesterkönige dulden keine Konkurrenz, regieren durch Gesetz und Todesstrafe und greifen zum Flame Death. Das Spinnenvolk hingegen hat seine Moral zur Waffenlosigkeit gemacht. Nars Prinzipien sind, mit Misks Worten, Schwäche. Mit Tarls Worten: Sie sind Größe.
Diese kurze Passage ist bedeutend, denn sie ordnet Nar nachträglich in die Kosmologie Gors ein. Er ist kein einfaches Fabelwesen des Sumpfes, sondern Teil einer von den Priesterkönigen auf die Gegenerde verbrachten Spezies, und er verkörpert eine Ethik, die selbst die überlegenen Priesterkönige in Erstaunen oder Geringschätzung versetzt.
Charakter und Bedeutung
Nar ist eine der bemerkenswertesten Nebenfiguren der frühen Gor-Bände. Seine Gestalt vereint scheinbare Gegensätze: Er ist ein furchterregendes Ungeheuer von außen und ein Gelehrter von innen. Er hat die Macht zu töten, aber den Willen, zu dienen. Er spricht leise in einer Welt, die das laute Wort feiert, und er nennt einen Fremden ohne Zögern „Bruder", während die Hochgeborenen Ars seine Art zu Fasern verarbeiten.
In einer Saga, die oft vom Recht des Stärkeren, vom Ehrenkodex der Krieger und von der harten Ordnung der Kasten handelt, ist Nar eine stille Gegenstimme. Er fragt nicht nach Kaste, nach Stadt, nach Geschlecht, sondern nur nach der Vernunft. Und er entscheidet nach einem einzigen Grundsatz: Vernünftiges nicht zu verletzen. Damit stellt er den menschlichen Gorianern, die sich gern ihrer Zivilisation rühmen, einen Spiegel vor: Ein achtbeiniges Ungeheuer aus dem Sumpf lebt das Ideal der Vernunft konsequenter als sie.
Es ist kein Zufall, dass Norman Nar ausgerechnet dann in die Geschichte einführt, als Tarl in tiefster Niederlage liegt, betrogen, entwaffnet, seiner Mission beraubt. Die Sanftmut des Spinnenvolks zeigt dem jungen Krieger, dass die Welt Gors mehr enthält als das Schwert, und dass Ehre nicht auf Kaste oder Gestalt beschränkt ist. Diese Lektion wird Tarl nie vergessen.
Zusammenfassung
Nar tritt nur in zwei Bänden auf und hat nur wenige Seiten Präsenz, doch sein Einfluss auf Tarls inneren Weg ist beträchtlich. Er ist der erste nicht-menschliche Verbündete Tarls, er rettet ihm und Talena das Leben, er warnt vor der Treulosigkeit der Ubar-Tochter, und er hinterlässt jenen unscheinbaren Abschiedssatz „Hüte dich vor der Tochter des Ubars", der die gesamte weitere Tragödie zwischen Tarl und Talena vorwegnimmt. In Priest-Kings of Gor wird er zum Symbol einer Ethik, die selbst die Herrscher der Gegenerde nicht teilen, und zum ehrenden Andenken Tarls an einen Bruder, der kein Mensch war.
Wer die Welt Gors verstehen will, sollte Nar kennen. Er ist der Beweis, dass Vernunft auf diesem Planeten nicht an die Gestalt gebunden ist, und dass Sanftmut mitten im Sumpf, zwischen Tharlarionen und Cur-lon-Jägern, weiterlebt.
Siehe auch Spinnenvolk, Sumpfwald von Ar, Cur-lon-Faser, Tarl Cabot, Talena, Priesterkönige sowie Band 01 – Tarnsman of Gor und Band 03 – Priest-Kings of Gor.