Goreanische Moral und Nietzsche - Schriftrolle Nr. 89

Diese Schriftrolle untersucht die Anwendbarkeit der Philosophie Friedrich Nietzsches auf die goreanische Philosophie und Moral. Der Zusammenhang zwischen Nietzsches Konzepten der Herren- und Sklavenmoral und der goreanischen Moralvorstellung ist bemerkenswert deutlich und verdient eine eingehende Betrachtung. Es handelt sich hier um einen fortlaufenden Essay, der einen ersten Überblick über das Thema bietet und viel Stoff für weitere Überlegungen und Diskussionen liefert.

Die goreanische Moral: Ein anderer Weg

In Marauders of Gor heißt es sinngemäß, dass die Goreaner sehr unterschiedliche Moralvorstellungen im Vergleich zu denen der Erde haben. Es scheint einfach genug: Goreaner zu sein bedeutet, eine andere Vorstellung von Moral zu vertreten, eine andere Art, Richtig und Falsch zu bestimmen, als es die meisten Menschen der Erde tun. Moral ist seit langem ein bedeutender Aspekt der Philosophie, mindestens seit der Zeit des Sokrates, dem weithin zugeschrieben wird, der erste Philosoph gewesen zu sein, der sich mit solchen Fragen befasste. Einer Philosophie zu folgen, aber ihre Moral auszuschließen, wäre unvollständig und würde ein wesentliches Element verwerfen. Wie kann man Goreaner sein und doch die goreanische Moral ablehnen? Wie kann man Goreaner sein und die irdische Moral annehmen, die sich manchmal so stark von der goreanischen unterscheidet?

Natürlich kann jeder den Begriff „goreanisch" nach Belieben definieren. Man könnte ihn sogar so definieren, dass die goreanische Moral nicht notwendig wäre. Doch ist das nicht einfach eine Definition nach den eigenen persönlichen Vorlieben? Ist das nicht eine voreingenommene, eher subjektive als objektive Definition? Wenn die Bücher klar feststellen, dass sich die goreanische Moral von der irdischen unterscheidet, warum sollte die goreanische Moral dann nicht wesentlich für das Goreanischsein sein? Und wenn die goreanische Moral ignoriert werden kann, welche anderen Aspekte der goreanischen Philosophie können dann ebenfalls ignoriert werden?

Die Schlüsselpassage aus Marauders of Gor

Wenn wir die Bedeutung der goreanischen Moral für das Goreanischsein akzeptieren, müssen wir als Nächstes die Natur der goreanischen Moral bestimmen und erklären. Glücklicherweise bieten die Bücher eine ausführliche Passage, die genau das tut. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Stellen in den Büchern, die diese Sicht der goreanischen Moral stützen. Doch aus irgendeinem seltsamen Grund wird die folgende Passage nicht häufig diskutiert. Man sieht sie selten auf goreanischen Webseiten oder in Foren. Warum das so ist, soll später erörtert werden.

In Marauders of Gor reflektiert der Erzähler sinngemäß über die Frage, wie Menschen leben sollten. Er habe lange über solche Dinge nachgedacht und wisse nur, dass er die Antwort auf diese Frage nicht kenne. Und doch sei es eine wichtige Frage. Viele weise Menschen gäben weise Antworten darauf, und doch stimmten sie untereinander nicht überein. Nur die Einfältigen, die Narren, die Unreflektierten und Unwissenden wüssten die Antwort auf diese Frage. Vielleicht könne eine so tiefgründige Frage nicht beantwortet werden. Doch wir wüssten, dass es falsche Antworten gebe, was darauf hindeute, dass es auch eine wahre Antwort geben könnte, denn wie könne es Falschheit ohne Wahrheit geben?

Eines scheine klar: Eine Moral, die Schuldgefühle und Selbstquälerei hervorbringe, die Angst und Qual verursache und Lebensspannen verkürze, könne nicht die Antwort sein. Viele der konkurrierenden Moralsysteme der Erde seien demnach fehlgeleitet.

Goreaner und Erdenmenschen im Vergleich

Der Erzähler beneide manchmal die Einfachheiten derer auf der Erde und auf Gor, die als Geschöpfe ihrer Konditionierung von solchen Fragen unberührt seien. Doch er wolle nicht wie sie sein. Sollte einer von ihnen Recht haben, so sei es für ihn nicht mehr als ein glücklicher Zufall. Wahrheit, die nicht errungen werde, sei nicht besessen. Wir hätten kein Anrecht auf Wahrheiten, für die wir nicht gekämpft hätten.

Die Passage fragt dann sinngemäß, ob wir nicht lernen zu leben, indem wir leben, so wie wir lernen zu sprechen, indem wir sprechen, zu malen, indem wir malen, zu bauen, indem wir bauen? Diejenigen, die am besten wüssten, wie man lebt, seien manchmal am wenigsten in der Lage, dies in Worte zu fassen. Denn was man im Leben lerne, sei mehr als Worte, anders als Worte, jenseits von Worten.

Sklavenmoral und Herrenmoral auf Gor

Die zentrale Aussage der Passage lautet sinngemäß: Die Moral der Erde werde aus goreanischer Sicht als eine Moral betrachtet, die eher für Sklaven als für freie Menschen angemessen sei. Sie werde im Sinne des Neides und der Verbitterung von Unterlegenen gegenüber ihren Überlegenen gesehen. Sie betone Gleichheit, Demut, Freundlichkeit, Konfliktvermeidung und Unterwürfigkeit. Es sei eine Moral im besten Interesse von Sklaven, die nur allzu begierig seien, als den anderen gleich angesehen zu werden.

Die goreanische Moral hingegen sei eher eine Moral der Ungleichheiten, basierend auf der Annahme, dass Individuen nicht gleich, sondern in vielfacher Hinsicht verschieden seien. Man könnte sie, vereinfacht gesagt, als Herrenmoral bezeichnen. Schuldgefühle seien in der goreanischen Moral nahezu unbekannt, obwohl Scham und Zorn es nicht seien. Viele irdische Moralsysteme ermutigten zu Resignation und Anpassung, die goreanische Moral ziele mehr auf Eroberung und Trotz. Viele irdische Moralsysteme ermutigten Zärtlichkeit, Mitleid und Sanftheit, die goreanische Moral ermutige Ehre, Mut, Härte und Stärke.

Der Erzähler habe manchmal gedacht, dass die Goreaner gut daran täten, etwas über Zärtlichkeit zu lernen, und dass die Erdenmenschen vielleicht gut daran täten, etwas über Härte zu lernen. Die Moral der Sklaven sage: „Du bist mir gleich; wir sind beide dasselbe." Die Moral der Herren sage: „Wir sind nicht gleich; wir sind nicht dasselbe; werde mir gleich; dann werden wir dasselbe sein." Die Sklavenmoral reduziere alle auf Knechtschaft, die Herrenmoral ermutige alle, die Höhen der Freiheit zu erklimmen, sofern sie es könnten.

Der Erzähler kenne kein stolzeres, selbstständigeres, großartigeres Geschöpf als den freien Goreaner, ob männlich oder weiblich. Sie seien oft reizbar und heftig im Temperament, aber selten kleinlich oder gemein. Sie hassten und fürchteten weder ihre Körper noch ihre Instinkte. Sie betrachteten ihr Verlangen nach Vergeltung, ihren Willen, sich zu äußern und zu verteidigen, ihre Lust als ebenso wesenhaften und glorreichen Teil ihrer selbst wie ihr Hören und ihr Denken. Viele irdische Moralsysteme machten Menschen klein. Das Ziel der goreanischen Moral, bei all ihren Fehlern, sei es, Menschen frei und groß zu machen.

Nietzsches Jenseits von Gut und Böse

Das Werk Jenseits von Gut und Böse von Friedrich Nietzsche ist besonders relevant für das Verständnis der goreanischen Moral. Im neunten Abschnitt, Kapitel 260, legt Nietzsche seine Unterscheidung zwischen Herrenmoral und Sklavenmoral dar.

Zwei Typen der Moral

Nietzsche erklärt sinngemäß, dass es bei einem Wandel durch viele Kulturen zwei grundlegende Typen der Moral gebe. In der ersten lege die herrschende Gruppe fest, was „gut" sei, und erhabene, stolze Zustände der Seele verliehen Auszeichnung und bestimmten die Rangordnung. Der edle Mensch trenne sich von jenen, in denen das Gegenteil solcher erhabenen Zustände zum Ausdruck komme, und verachte sie. In diesem ersten Typ der Moral bedeute der Gegensatz von „gut" und „schlecht" in etwa dasselbe wie „edel" und „verächtlich". Man empfinde Verachtung für die Feigen, die Ängstlichen, die Kleinlichen und jene, die sich erniedrigten.

Nietzsche führt weiter aus, dass der edle Menschentypus sich selbst als wertbestimmend erlebe. Er brauche keine Zustimmung, er urteile selbst. Alles, was er als Teil seiner selbst erkenne, ehre er. Diese Moral sei Selbstverherrlichung. Im Vordergrund stehe das Gefühl der Fülle, der Macht, die überfließen wolle, das Glück hoher Spannung, das Bewusstsein eines Reichtums, der geben und schenken wolle. Der edle Mensch helfe auch dem Unglücklichen, aber nicht oder kaum aus Mitleid, sondern eher aus einem Drang, der aus dem Überfluss an Macht entspringe.

Herren- versus Sklavenmoralperspektive

Nach der Sklavenmoral inspirierten die „Bösen" Furcht, während nach der Herrenmoral gerade die „Guten" Furcht einflößten und einflößen wollten, während die „Schlechten" als verächtlich empfunden würden. Wo immer die Sklavenmoral vorherrsche, neige die Sprache dazu, die Wörter „gut" und „dumm" einander anzunähern.

Nietzsches Genealogie der Moral

In der Genealogie der Moral vertieft Nietzsche seine Untersuchung der Ursprünge moralischer Werte. Er fragt sinngemäß, unter welchen Bedingungen der Mensch die Werturteile „gut" und „böse" konstruiert habe und welchen inneren Wert sie hätten. Hätten sie die Menschheit bisher gefördert oder behindert?

Der Sklavenaufstand in der Moral

Nietzsche argumentiert, dass der Sklavenaufstand in der Moral begonnen habe, als die Verbitterung schöpferisch geworden sei und Werte hervorgebracht habe. Es sei die Verbitterung von Wesen, die der direkten Möglichkeit zum Handeln beraubt seien und dies durch eine imaginäre Rache kompensierten.

Alle wahrhaft edle Moral erwachse aus triumphaler Selbstbejahung. Die Sklavenethik hingegen beginne damit, „Nein" zu einem „Außen", einem „Anderen" zu sagen, und dieses Nein sei ihr schöpferischer Akt. Diese Umkehrung der Blickrichtung des bewertenden Blicks, dieses unveränderliche Nachaußenschauen statt Nachinnenblicken, sei ein grundlegendes Merkmal der Verbitterung. Die Sklavenethik benötige für ihren Beginn eine Sphäre, die sich von der eigenen unterscheide und ihr feindlich gegenüberstehe.

Edelmut versus Ressentiment

Während der edle Mensch vor seinem eigenen Gewissen mit Zuversicht und Offenheit lebe, sei der verbitterte Mensch weder wahrhaftig noch aufrichtig mit sich selbst. Seine Seele schiele, sein Geist liebe Verstecke, geheime Pfade und Hintertüren.

Wenn ein edler Mensch Groll empfinde, werde dieser in seiner augenblicklichen Reaktion aufgesogen und vergifte ihn daher nicht. Zudem entstehe er in zahllosen Fällen gar nicht, während er bei schwachen und ohnmächtigen Menschen unweigerlich auftrete.

Der edelgesinnte Mensch schaffe spontan den Begriff „gut" und leite daraus erst später die Vorstellung des „Schlechten" ab. Das „Schlechte" edlen Ursprungs und das „Böse", das aus dem Kessel ungelöschten Hasses emporgestiegen sei, seien schlecht vergleichbar. Das erste sei ein Nebenprodukt, fast ein Nachgedanke; das zweite sei der Anfang, der ursprüngliche schöpferische Akt der Sklavenethik.

Erläuterungen zu Nietzsche

Einige der obigen Passagen mögen schwer verständlich erscheinen. Nietzsche ist aus verschiedenen Gründen nicht der einfachste Philosoph. Daher kann es hilfreich sein, auf andere Philosophen zurückzugreifen, um die Bedeutung von Nietzsches Worten zu entschlüsseln. Im Folgenden werden Erkenntnisse verschiedener Nietzsche-Gelehrter vorgestellt.

„Werde, der du bist!"

Das Buch What Nietzsche Really Said von Robert C. Solomon und Kathleen M. Higgins beschreibt Nietzsches ethischen Leitspruch sinngemäß so: Er stamme, wie zu erwarten, von den Alten, in diesem Fall vom griechischen Dichter Pindar. Nietzsche schreibe immer wieder: „Werde, der du bist!"

Jeder von uns, so Nietzsche, habe eine einzigartige Reihe von Tugenden. Indem wir jedoch glaubten, dass das, was wir wirklich seien, durch ein Set allgemeiner Regeln oder Prinzipien definiert werde, verleugneten wir diese Einzigartigkeit und opferten jene Tugenden der blassen und anonymen Kategorie des „Gutmenschseins". Es gehe Nietzsche nicht darum, Unmoral zu verteidigen, sondern die Idee menschlicher Vortrefflichkeit, die seine Ethik definiere.

Herrenmoral als Tugendethik

Solomon und Higgins erklären, dass Nietzsche in der zeitgenössischen Terminologie eher Aristoteles ähnle als Kant. Er verteidige eine Tugendethik eher als eine Ethik rationaler Prinzipien oder Pflichten.

Was Nietzsche manchmal als „Herdenmoral" verurteile, beschreibe er auch als „Sklavenmoral", eine für Sklaven und Diener passende Moral. Diese Moral, in der biblisch dargestellten und von Kant verteidigten Einzelform, sei Sklavenmoral. In ihren rohesten Formen bestehe sie aus allgemeinen Prinzipien, die von oben auferlegt würden und das Individuum einjochten und einschränkten. In ihren subtileren Formen werde diese äußere Autorität nach innen verlagert, etwa in die Vernunft. Doch am charakteristischsten sei, dass sie hauptsächlich verbietend und einschränkend wirke, statt inspirierend.

Herrenmoral hingegen sei eine Ethik der Tugend, in der persönliche Vortrefflichkeit an erster Stelle stehe. Vortrefflichkeit zu erlangen sei genau das, was glücklich mache, nach sowohl Nietzsche als auch Aristoteles.

Selbstverwirklichung und Werden

Sklaven mochten sich selbst nicht, daher sei die Idee, zu dem zu werden, der man sei, für sie nicht besonders attraktiv. Die Herrenmoral habe als Leitspruch „Werde, der du bist", und ob man jemandem ähnle oder ob man für andere akzeptabel sei, sei ohne Belang.

Vereinfacht könne man die Herrenmoral zusammenfassen als „ich selbst sein und bekommen, was ich will", wobei zu verstehen sei, dass das, was man sei und wolle, durchaus verfeinert und edel sein könne. Nicht zu bekommen, was man wolle, sei schlecht, nicht unbedingt in einem größeren Sinne, sondern einfach, weil es hinter den eigenen Bestrebungen und Idealen zurückbleibe.

Die Perspektive der Herrenmoral sei tatsächlich eine ästhetische Perspektive. Es gehe um das, was schön und vortrefflich sei, und nicht um das, was richtig oder verpflichtend sei. Die Sklavenmoral hingegen habe nur mit Gut und Böse zu tun; ästhetische Erwägungen seien ausgeschlossen, und die Bedrohlichkeit des Bösen beherrsche das Gespräch.

Ressentiment und Lebensstärke

Das Buch Living With Nietzsche von Robert C. Solomon vertieft die Analyse der nietzscheanischen Ethik. Solomon beschreibt sinngemäß, dass sklavische Werte dazu neigten, Freude zu verleugnen und Ernst zu feiern, Risiko und Gefahr zu beklagen und Sicherheit zu betonen. Sie ermutigten vorsichtiges Nachdenken und lehnten Leidenschaft und „Instinkt" ab. Kurz gesagt, sie sagten „Nein zum Leben".

Herkunft der Moral nach Nietzsche

Nietzsche argumentiere, dass das, was wir „Moral" nennten, unter den elenden Sklaven, dem Lumpenproletariat der antiken Welt, entstanden sei. Moral werde weiterhin durch die unterwürfigen und verbitterten Gefühle derer motiviert, die sich als unterlegen empfänden. „Moral", wie brillant auch immer von Kant als Diktate der praktischen Vernunft oder von den Utilitaristen als „größtes Gut für die größte Zahl" rationalisiert, sei im Wesentlichen die hinterhältige Strategie der Schwachen, um gegenüber den Starken einen Vorteil zu erlangen.

Tugendethik und Charakter

Der Kerngedanke der Tugendethik sei die Bedeutung des moralischen Charakters und der Charaktertugenden bei der Bestimmung moralischen Werts. Eine aus edlen Empfindungen heraus vollzogene Handlung sei eine edle Handlung, selbst wenn die Tat sich als unbedeutend erweise. Eine Handlung, die niederträchtige Empfindungen ausdrücke, sei niederträchtig, selbst wenn sie sich als wohltuend herausstelle.

Das Ressentiment

Ressentiment sei vor allem ein Gefühl, das von der Sorge um und der Beschäftigung mit Macht geprägt sei. Es sei die Selbsterkenntnis der eigenen Unterlegenheit und ein verzweifelter Versuch, dennoch Macht zu retten oder zu schaffen. Ressentiment sei lebenlähmend, weil es alle Energie auf diesen Rettungsversuch konzentriere. Es fördere nicht persönliche Vortrefflichkeit, sondern verweile bei kompetitiver Strategie und dem Durchkreuzen anderer.

Die Sklavenmoral sei laut Nietzsche eine Verteidigungsreaktion gegen die Werte der Mächtigeren, eine Reaktion, die aus Ressentiment geboren sei. Die antiken Hebräer und dann die frühen Christen hätten vor Ressentiment gegen ihre alten Herren geglüht und eine fabelhafte philosophische Strategie erdacht. Anstatt sich als Verlierer im Wettbewerb um Reichtum und Macht zu sehen, hätten sie die Tische umgedreht und ihr Ressentiment in Selbstgerechtigkeit verwandelt.

Was am Ressentiment falsch sei, sei, dass es das gute Leben, wie Nietzsche es konzipiere, behindere: ein Leben reicher „innerer" Erfahrung statt eines Lebens der Reaktion auf äußere Bedrohungen und Kränkungen. Es sei daher ein lebenverkleinerndes und lebenslähmendes Gefühl.

Nietzsche und das Streben nach Vortrefflichkeit

Mut als Schlüsseltugend

Solomon stellt heraus, dass Mut für Nietzsche wie für Aristoteles als Schlüsseltugend und gewissermaßen als Prototyp aller Tugenden diene. Doch für beide sei Mut nicht auf die Tapferkeit auf dem Schlachtfeld beschränkt. Es gebe den Mut der eigenen Überzeugungen und den Mut, sich dem Leben zu stellen.

Physische und militärische Stärke seien nicht die „Macht", die Nietzsche befürworte. Wie so oft bei Nietzsche würden Moral, Stärke und Schwäche in ästhetischen Begriffen betrachtet. In Die Geburt der Tragödie sage er, die Griechen seien „schön" gewesen, weil sie die Stärke gehabt hätten, ihr Leiden zu ertragen und es schöpferisch zu gestalten. Was an den Griechen „schön" und „edel" gewesen sei, sei ihre Selbstüberwindung gewesen, nicht ihr sorgloser Selbstvertrauen.

Sklaven hingegen seien „hässlich", weil sie banal und langweilig seien. Ihr Auftreten sei unterwürfig und furchtsam, ohne Charakter.

Die Ethik der Vortrefflichkeit

Nietzsches Ethik lasse sich am besten als Ethik der Selbstverwirklichung einordnen. „Werde, der du bist" sei der Leitspruch, und der Übermensch diene als Ideal. Wer sei der Übermensch, wenn nicht Aristoteles' Megalopsychos, der „großgesinnte Mensch", von dem Nietzsche sogar einen Großteil seiner „Herrentyp"-Terminologie entlehne? Er sei das Ideal dessen, der Großes verdiene und beanspruche.

Die Ablehnung der bürgerlichen Moral schreibe keine Grausamkeit vor, sondern betone Vortrefflichkeit. Der Wille zur Macht sei nicht Herrschaft, sondern Überlegenheit. Obwohl Nietzsche mit seiner elitären und kriegerischen Sprache schockieren möge, seien die Übermenschen, die ihm am Herzen lägen, seine ästhetischen Kameraden: „Philosophen, Heilige und Künstler."

Elitismus und Tugendethik

Elitismus sei nicht selbst eine Ethik. Es sei vielmehr die Voraussetzung, dass die Talente und Fähigkeiten der Menschen unterschiedlich seien. Der Zweck einer Ethik sei es, das Potenzial der Menschen zu maximieren und das Meiste und Beste aus allen herauszuholen, aber weit mehr aus den Besten unter ihnen.

Was für diese Sicht der Ethik wesentlich sei, sei der Schwerpunkt auf Vortrefflichkeit, ein teleologisches Konzept. Die Tugenden seien sowohl förderlich als auch konstitutiv für reiche, ästhetische Erfahrung. Was weit weniger zähle, sei der Gehorsam gegenüber Regeln, Gesetzen und Prinzipien, denn man könne vollkommen gehorsam und zugleich stumpfsinnig, unproduktiv, fantasielos und kulturlos sein.

Nietzsche habe eine grundlegend andere Art des Nachdenkens über Ethik befürwortet, eine, die dazu ermutige, das Leben in vollen Zügen zu leben und ein reiches Innenleben zu pflegen. Was letztlich gut sei, sei ein tugendhafter Charakter, eine Person mit den richtigen Tugenden, eine Person mit Integrität oder dem, was Nietzsche „Adel" nenne.

Das Ästhetische und Nietzsches Härte

Eine verlockende Zusammenfassung von Nietzsches gesamter Ethik sei, wie bei Konfuzius zu sagen, dass alle moralischen Werte zu ästhetischen Werten würden und man sein Leben wie die Welt durch ästhetische Linsen betrachten solle, als „ein Kunstwerk". Die Welt als schön zu sehen, trotz des Leidens, sogar wegen des Leidens, bleibe eines seiner ausdrücklichsten Ziele.

Nietzsches Beharren auf „Härte" werde ebenfalls oft missverstanden, typischerweise als Teil seines Feldzugs gegen Mitgefühl und Mitleid. Doch Nietzsche habe tatsächlich großen Wert auf Selbstdisziplin gelegt.

Goreanische Buchzitate zur Unterstützung

Das oben Dargestellte ist umfangreiches Material. Doch nach sorgfältiger Prüfung und Analyse dieser Informationen im Vergleich zur goreanischen Philosophie und Moral wird die offensichtliche Anwendbarkeit deutlich. Man wird besser verstehen, was es bedeutet, Goreaner zu sein. Einfach ausgedrückt: Die goreanische Moral ist eine Art Tugendethik, eine Herrenmoral.

In den Gor-Büchern finden sich zahlreiche weitere Passagen, die diese Ideen zur goreanischen Moral stützen. Sie verdeutlichen, dass die Parallelen zwischen Nietzsches Philosophie und der goreanischen Weltsicht kein Zufall sind, sondern ein bewusstes Fundament der goreanischen Kultur darstellen.

Zusammenfassung

Die goreanische Moral unterscheidet sich fundamental von den vorherrschenden Moralsystemen der Erde. Während irdische Moralsysteme oft Gleichheit, Demut und Zurückhaltung betonen, setzt die goreanische Moral auf Tugend, Vortrefflichkeit, Ehre, Mut und Stärke. Diese Parallelen zu Nietzsches Philosophie der Herrenmoral sind unübersehbar.

Nietzsches zentrale Unterscheidung zwischen Herren- und Sklavenmoral spiegelt sich direkt in der goreanischen Gesellschaft wider. Die goreanische Moral ist im Kern eine Tugendethik, die auf persönlicher Vortrefflichkeit, Selbstverwirklichung und dem Streben nach Größe basiert, nicht auf der Befolgung von Regeln oder dem Vermeiden von Tadel. Der Leitspruch „Werde, der du bist!" könnte ebenso gut ein goreanisches Motto sein.

Für ein tieferes Verständnis der philosophischen Grundlagen Gors empfehlen sich auch die Schriftrolle Nr. 72, Goreanische Philosophie, Schriftrolle Nr. 77, Tugendethik und Schriftrolle Nr. 79, Mitleid Nietzsche Stoizismus.